Interview„Glaube(n) im Wandel“- Buddhistisches Zentrum Passau

Buddhistisches Zentrum11SW

Jürgen und Sophia besuchen das Buddhistische Zentrum Passau

eXpresso: Lassen Sie uns gleich mit der schwierigsten Frage anfangen:
Was ist Buddhismus in Ihren Worten ausgedrückt?
Sigrid Perl: Buddhismus ist die Möglichkeit, dauerhaftes Glück zu erlangen.
Bernhard Zimmerschied: Buddha hat einen Weg gelehrt, wie man es schafft
dauerhaftes Glück zu erfahren; weil bedingtes Glück kennt jeder, das hat
mit Mögen und Nicht-Mögen zu tun.
eXpresso: Wie haben Sie selbst zum Buddhismus gefunden?
Sigrid Perl: Durch Freunde, die schon meditiert und mich dann
mitgenommen haben. Als ich dadurch etwas von der Lehre Buddhas gehört
habe, war ich sofort sehr interessiert und habe mir gedacht, dass das dem
entspricht, was ich in meinem Leben auch möchte.
eXpresso: Am Buddhistischen Zentrum in Passau „praktiziert“ man ja den
„Diamantweg Buddhismus“; was kann man sich darunter vorstellen?
Bernhard Zimmerschied: Es gibt verschiedene Wege, wie man zum Ziel
kommt. Der Diamantweg ist der schnellste, weil er sich direkt auf den Geist
bezieht. Im Diamantweg braucht man einen Lehrer, der erleuchtet ist, also
erkannt hat, dass es nicht nur die Erlebnisse gibt, die kommen und gehen,
sondern immer auch einen Erleber. Und der Erleber ist zeitlos, er ist niemals
geboren und kann nicht sterben…
Sigrid Perl: Diamantweg ist tibetischer Buddhismus. Es gibt ja Hinayanaund
Mahayanabuddhismus. Diamantweg kann man dem Mahayana
zuordnen oder als Weiterentwicklung betrachten…
Bernhard Zimmerschied: Ich bringe ein kleines Beispiel: Wenn man sich
vorstellt, die Erleuchtung ist wie ein See, dann gibt es Menschen, die wollen
wissen. Sie zweifeln also an und machen Untersuchungen und stellen fest:
der Buddha hat Recht. Sie kommen also zu dem See, mit einem
Reagenzglas, nehmen eine Wasserprobe, stellen fest: keine Krokodileier, man
kann baden. Dann gibt es Menschen, die eher Abstand wollen. Die fliegen
drüber und sehen: Ah, so groß ist der See, keine Krokodile drinnen.
Bei uns ist es so, dass uns die Begierde zu erleben nach vorne bringt. Wir
wollen erfahren, wir springen hinein! Weil es verschiedene Wesen gibt, gibt
es auch drei Wege.
Sigrid Perl: Jeder kann nicht alles brauchen. Jeder hat unterschiedliche
Erfahrungen bisher gemacht und so gibt es 84.000 Belehrungen für 84.000
„Störungen“ bei den Menschen. Verschiedene Menschen finden verschiedene
Wege im Buddhismus, aber das Ziel ist an sich das gleiche.
eXpresso: Wie setzen Sie sich im Sinne des Glaubens mit Themen wie anderen
Religionen auseinander?
Sigrid Perl: Ich denke, dass verschiedene Wesen verschiedene Mittel
brauchen. Wenn jemand eine andere Religion braucht, dann ist das sein
Weg… Wir konkurrieren nicht mit anderen Religionen, wir missionieren
nicht.
Bernhard Zimmerschied: Es gibt Glaubensreligionen, wie das Christentum
und Erfahrungsreligionen, wie den Buddhismus. Buddha sagt, wir sind
schon alle Buddhas, wir haben es nur nicht erkannt, darum hat er uns
verschiedene Sachen gelehrt, um das zu entdecken.
eXpresso: Denkt man an Buddhismus, kommen einem sofort Yoga, der Dalai
Lama und Meditation in den Sinn. Was hat es damit auf sich?
Sigrid Perl: Es gibt viele Meditationen. Solche zur Entspannung, um ein
gutes Körpergefühl zu haben, was auch immer… Man muss sich fragen,
welche Ziele man damit erreichen will. Als Buddhist will man die
Erleuchtung, dafür braucht man eine buddhistische Meditation, wo der
Geist auf sich selber schauen und mit sich arbeiten kann.
eXpresso: Jeder Mensch ist ja schon Buddha, aber es braucht viel, bis man
das erkennt. Kann man sein Ideal, die Buddhanatur, überhaupt erreichen?
Wann weiß ich, dass ich dem entspreche?
Sigrid Perl: Ja, das weiß man. Man ist dann völlig ungestört, man hat keine
Probleme mehr mit Wesen und Sachen. Man kann erkennen, was im Raum
passiert, was die anderen brauchen, dass sie sich entwickeln können.
Bernhard Zimmerschied: Buddha erlebt den Raum nicht mehr als Trennung.
Das ist der Knackpunkt! Wir erleben den Raum als Trennung: da bin ich, da
bist du. Das man das so erlebt, ist die Unwissenheit nicht zu verstehen, dass
alles verbunden ist.
eXpresso: In vielen Vorgärten sieht man kleine Buddhastatuen zu
Dekorationszwecken. Nervt Sie das?
Sigrid Perl: Wenn es jemanden überzeugt, dann kann er sie aufstellen. Die
Statuen sind zwar sicher nicht zur Meditation geeignet, aber solange sie
jemandem gefallen…
Bernhard Zimmerschied: Aber es ist schon erstaunlich, dass es die Figur ist,
die am meisten und überall rumsteht.
Sigrid Perl: In den Baumärkten, in den Gärten, in den Kaufhäusern…
eXpresso: In welcher Form kann der Buddhismus für das Leben helfen?
Sigrid Perl: Jeder fängt erst einmal mit dem Buddhismus an. Natürlich ist
man noch nicht der gelassenste Mensch, weil man eine Mitgliedschaft
unterschreibt oder das erste Buch liest. Es ist ein Weg. Aber Gelassenheit ist
nicht das Ziel, es ist Resultat aus der Meditation, Verhalten im Alltag und
Herangehen an die Dinge. Wenn mich jemand blöd anredet, dann nehme ich
das nicht mehr persönlich, sondern kann schauen: Okay, was ist mit ihm
los? Wie kann ich ihm helfen? Ich kann von mir weggehen und kann mir
denken: Vielleicht hat dieser Mensch schlecht geschlafen? Ich muss es nicht
mehr persönlich nehmen, sondern kann erst mal einen Kaffee mit ihm
trinken, ihm eine Möglichkeit bieten sich zu entspannen.
eXpresso: Ein großer Teil der Religion ist also die Lebensweise?
Sigrid Perl: Alles, es ist die Lebensweise.
eXpresso: Es ist also ein Weg, wie es einem selbst besser geht?
Sigrid Perl: Wie es den anderen besser geht, sollte das Ziel sein, denn
dadurch geht es einem selber automatisch besser. Das ist der Trick!
Bernhard Zimmerschied: Wenn man an das Ich denkt, hat man ständig
Probleme, wenn man an andere denkt, hat man Aufgaben. So einfach ist
das. Mit dem Buddhismus verliert man allmählich diese Selbstbezogenheit…
Sigrid Perl: Je netter, freundlicher, angenehmer ich bin, je mehr werde ich
irgendwann auf nur noch nette Menschen treffen.
eXpresso: Was ist der Lebenskreislauf im Buddhismus?
Sigrid Perl: Der Lebenskreislauf ist einfach ein Vorgang, dass man die
Eindrücke in seinem Geist speichert und wenn man stirbt trennt sich der
Geist vom Körper und diese geistigen Eindrücke als Potenzial bleiben aber.
Man ist gewohnt, dass man einen Körper hat, deshalb sucht man sich
wieder einen. Wenn Ei und Samenzelle zusammenkommen, hat man also die
Möglichkeit, das mit Bewusstsein zu verbinden. So geht der nächste
Kreislauf los.
Wenn man in diesem Leben wieder nicht erkennt, dass es eine
Ausstiegsmöglichkeit gibt, also den buddhistischen Weg einschlägt, geht das
Spiel wieder von vorne los…
eXpresso: Vielen Dank für das Gespräch!