„Man braucht Menschen, die brennen!“ Interview mit Bischof Oster

Was bedeuten Glaube(n) und Religion heute? Mit dieser Frage will sich „eXpresso“ in nächster  Zeit etwas eingehender beschäftigen, Interviews führen.
Zum Auftakt trafen wir einen hochkarätigen Interviewpartner, Bischof Stefan Oster.
Im „Haus spectrumKirche“ auf Mariahilf stellte er sich unseren Fragen in einem exclusiven Gespräch und wir durften ihn als angenehmen Menschen kennenlernen.

eXpresso: Herr Bischof, waren Sie schon mal auf Schloss Freudenhain, das gewissermaßen von einem Ihrer Vorgänger erbaut wurde?

Bischof Oster: Bisher hat sich leider noch keine Gelegenheit ergeben! Ich habe schon öfter euren Schülerchor hören dürfen und mich darüber immer gefreut. Wenn es mal eine Gelegenheit gibt, dann komme ich sehr gerne in eure Schule. Schickt einfach frühzeitig eine Einladung, wenn ihr einen guten Anlass habt, vielleicht ein Jubiläum. Dann komme ich!

eXpresso: Mittlerweile sind Sie seit fast eineinhalb Jahren Bischof von Passau. Wie gefällt es Ihnen bisher? Wie groß war die Umstellung von Klosterleben auf Bischofsamt?

Bischof Oster: Mein Leben als Ordensmann war viel überschaubarer als es jetzt ist und die Verantwortung und die Herausforderungen waren geringer. Aber vieles, was ich als Ordensmann gelernt habe und machen durfte, kann ich jetzt in mein Bischofsamt einbringen. Es gibt aber schon große Kontraste. Zum Beispiel hatte ich bis vor kurzem nicht einmal ein eigenes Konto. Wenn ich Geld gebraucht habe, etwa für Kleidung, dann bin ich zu meinem Ordensoberen gegangen und habe ihn darum gebeten. Jetzt bin ich Vorsitzender des Diözesansteuerausschusses und wir verwalten den Haushalt der Diözese und dieser beläuft sich auf ein dreistelliges Millionenvolumen.
Ich habe den Eindruck, dass ich bei guten Leuten angekom
men bin und wir füreinander dankbar sind. Die Umstellung ist schon groß, aber dadurch nicht so schwierig.

eXpresso: Im Juni haben Sie ja Ihren 50. Geburtstag gefeiert; etwas verspätet auch von uns alles Gute dazu!

Bischof Oster: Danke!

eXpresso: Für viele Menschen ist der 50. Geburtstag eine Barriere und sie haben Probleme damit. Sie verneinten diese Frage damals und meinten: „Man ist nur näher an der Ewigkeit.“ Das ist eine spannende Aussage, da immer weniger Menschen an Gott glauben. Was gibt Ihnen die Sicherheit, dass Gott und die damit verbundene Ewigkeit existiert?

Bischof Oster: Durch das Zeugnis anderer Menschen bin ich in meinem Leben von innen her berührt worden. Dadurch habe ich eine andere Dimension kennengelernt, die mein Leben radikal verändert hat. Jetzt könnte man sagen, dass das irgendwie ein Gedankengebäude oder ein Hirngespinst sei. Ich glaube aber, wenn ein Gebäude nur eine Ideologie wäre, dann würde sie kein verändertes Leben tragen und einen Menschen froh, frei, tief, glücklich und lebendig machen. Ich fühle mich aber so und bin der Überzeugung: Das wirkt die Gegenwart Gottes in meinem Leben.

eXpresso: Besonders Jugendliche haben oft Schwierigkeiten mit Gott, der Kirche und dem Glauben. Macht Sie das traurig?

Bischof Oster: Ja, das macht mich traurig, aber nicht im Sinn von hoffnungslos. Als Salesianer Don Boscos (Bischof Osters Orden; Anm. d. Red.) der ich ja immer noch bin, ist es mir ein großes Anliegen, dass das Leben junger Menschen gelingt. Wir leben in einer Kultur der Ablenkung, der schnellen Bedürfnisbefriedigung, der Oberflächlichkeit und ich nehme wahr, dass sich ganz viele junge Menschen da hineinziehen lassen. Mit Sicherheit gibt es darin auch viel Schönes und Gutes, aber ich glaube auch, dass das alles auch eine Art Generalangriff auf die Innerlichkeit des Menschen sein kann. Es hindert den Menschen daran in die Tiefe zu kommen und zu spüren, wer er selbst ist. Es macht mich traurig zu sehen, dass junge Menschen, in denen so viel Potential, Lebensenergie und Möglichkeit steckt, ihr Leben an die Oberflächlichkeit verlieren und nicht zu Gott finden.

eXpresso: Denken Sie, dass Glaube eine Stütze im Leben, v.a. dieser Heranwachsenden sein könnte? Wenn ja, wie?

Bischof Oster: Na klar! Wenn nicht der Glaube, was dann? Aber es ist auch eine Herausforderung. Wenn man z.B. einen einflussreichen Freund oder eine neue Freundin hat, verändert das ein Leben. Glaube ist vor allem die Beziehung mit Gott. Ich bin davon überzeugt, dass diese Beziehung ein Leben verändert bzw. trägt, aber natürlich auch herausfordert.

eXpresso: In Passau haben Sie den Gebetskreis „Believe and Pray“ ins Leben gerufen, der sich an junge Menschen richtet. Die Jugendarbeit liegt Ihnen ja allgemein am Herzen.
Was meinen Sie, muss von Seiten der Kirche als Institution getan werden, um den Glauben für Jugendliche wieder attraktiver zu machen?

Bischof Oster: Natürlich ist es wichtig, dass wir als Kirche glaubwürdig und transparent sind, aber Glaubensvermittlung liegt nicht an der Institution. Man muss Menschen begegnen, die brennen und die glaubwürdig sagen, das ist mein Leben. Glaubensvermittlung geschieht zuerst durch Beziehung. Erst sekundär stellt man fest, was die Kirche für ein Geheimnis ist und was da alles gegenwärtig ist. Wenn man merkt, dass es Menschen gibt, die aus dem Geheimnis der Kirche, also aus Gott leben, dann merkt man, dass die ganze Institution und die Hierarchie nicht so wichtig sind. Kurz gesagt: Man braucht Menschen, die brennen – burning persons… (lacht)

eXpresso: Am Dienstag haben Sie dem neuen „Kirchlichen Arbeitsrecht“ mit Bedenken zugestimmt, nachdem Sie schon vor einiger Zeit von Priestern der Region einen „Brandbrief“ erhalten haben, der Ihr damaliges Zögern und Ihre Ansichten kritisierte. Überhaupt werden Sie ja öffentlich des Öfteren als „Hardliner“ oder „Dogmatiker“ bezeichnet, sie scheinen zu polarisieren… Wie sehen Sie das?

Bischof Oster: Das neue Arbeitsrecht ist aus meiner Sicht ein wenig „mit heißer Nadel“ gestrickt. Ich sehe einige deutliche Nachteile, aber im Blick auf die Notwendigkeit eines einheitlichen kirchlichen Arbeitrechtes in ganz Deutschland haben wir schließlich mit einigem Bauchgrummeln dennoch zugestimmt. Ich bin aber sehr gespannt, wie sich das insgesamt entwickelt. Was den vermeintlichen Hardliner angeht, da sehe ich mich einfach in der Pflicht, den Glauben so zu verkünden, wie er in unserer Kirche überliefert ist. Das habe ich bei der Weihe versprochen und ich versuche das auch zu begründen – übrigens auch mit persönlicher Überzeugung. Das Problem ist heute wohl eher, dass sich die Frage „Hardliner“ oder nicht an den so genannten kirchlichen Reizthemen entzündet, die die Medien so gerne thematisieren. Wer da schlicht den Glauben der Kirche verkündet, hat dann ganz schnell diesen „Stempel“. Dabei sind das tatsächlich nicht die ganz zentralen Fragen im Glauben der Kirche von heute.

eXpresso: Ein Grundsatz von Ihnen ist ja, dass Sexualität ihren „einzig legitimen Ort in einer Ehe zwischen genau einem Mann und einer Frau hat“. Homosexuelle Partnerschaften lehnen Sie ab. Warum kann eine Beziehung Gleichgeschlechtlicher oder Intimität vor der Ehe nicht legitim sein?

Bischof Oster: Das ist nicht mein persönlicher Grundsatz, das lehrt die Kirche seit 2000 Jahren so. Und wir glauben, dass das dem Willen Gottes und seiner Offenbarung an uns entspricht. Das Hauptproblem mit dem Verstehen dieser Position ist wohl folgendes: Ich glaube, man muss wirklich von innen her erfahren haben, dass Christus tatsächlich mit mir und dir in einer persönlichen Beziehung leben will. Erst wenn das einigermaßen innerlich nachvollziehbar ist, stellt sich die Frage: Wie soll und kann ich leben, damit mein Leben dieser Christusbeziehung entspricht. Ich glaube jedenfalls, dass Christus mein eigenes Leben sehr tiefgreifend verändert hat. Und ich habe im Grunde erst danach viel besser verstanden, warum die Kirche in diesen Dingen so lehrt, wie sie lehrt.

eXpresso: Immer mehr Menschen werden geschieden und heiraten ein zweites Mal. Diese Menschen dürfen nach gültiger kirchlicher Auffassung keine Kommunion mehr empfangen. Gibt es Fälle, wie beispielsweise Gewalt durch den ehemaligen Partner, in denen Sie es nötig empfänden diese Regelung zu lockern?

Bischof Oster: Diese Frage ist sehr schwierig und komplex. Ich habe sehr umfassend darauf geantwortet und es ist schwer, dies in einem knappen Interview zu tun. Natürlich ist es ein großer Unterschied, ob ein Mensch am Zerbrechen einer Beziehung schuld hat oder nicht. Das Problem aus der Sicht des Glaubens ist schlicht dies: Wenn die erste Ehe vor Gott gültig geschlossen wurde und dadurch sakramental wurde, dann – so sagen die Schrift und die Tradition – ist sie durch nichts in der Welt auflösbar, solange beide Partner noch leben. Und daraus folgt dann notwendig, dass eine zweite Verbindung quasi immer im Widerspruch zu dieser unauflöslichen Ehe besteht. Das ist der Kern des Problems. Das heißt nun aber freilich nicht, dass wir uns um Menschen in diesen Situationen nicht sehr gut kümmern müssen. Auch sie gehören zur Kirche und sie sollen und müssen das auch spüren.

eXpresso: Zurzeit gibt es in den Medien nur ein großes Thema: Die Flüchtlingskrise. Sie und das Bistum haben reagiert und zahlreiche Räumlichkeiten sowie evtl. Personal für ankommende Asylbewerber ab- bzw. bereitgestellt. Ein tolles Beispiel für Nächstenliebe! Wie beurteilen Sie die Entwicklung derzeit? Was ist zu tun?

Bischof Oster: Für uns Christen gilt ganz klar, dass wir Menschen auf der Flucht und Menschen in Not, so gut es geht, helfen. Politisch bin ich kein Experte, aber ich hoffe, dass alle freiwilligen Helfer und Hauptberuflichen, sei es Polizisten oder Organisatoren, aus dem Überforderungsmodus rauskommen. Wir müssen einen Weg finden, dass wir die Flüchtlinge gerechter verteilen. Da müssen alle europäischen Mitgliedsländer mitmachen.

eXpresso: Sie sind also gegen den Aufnahmestopp, den die CSU fordert?

Bischof Oster: Ich denke, das jetzt nicht der Zeitpunkt ist und man nicht einfach so die Grenzen zumachen kann.

eXpresso: Seit Ihrer Weihe haben Sie in Passau viel angestoßen. Sie gelten als moderner Glaubensvertreter, haben einen Facebookaccount. Ihr neustes Projekt ist die Babarakapelle in Passau, wo in Zukunft 24 Stunden am Tag gebetet werden soll. Was liegt Ihnen sonst am Herzen, was haben Sie zukünftig vor?

Bischof Oster: Ich möchte überall im Bistum, wo es möglich ist, Orte der Glaubensvertiefung fördern und unterstützen. Ich freue mich an Gläubigen, die etwas erfahren wollen und schon erfahren haben: spirituell und auch intellektuell. Dazu gibt es jetzt schon viele Initiativen und Gruppen und Orte, aber wir können da noch wachsen. Wichtig ist, dass die Menschen mit dem Kopf und dem Herzen persönlich verstehen, was sie glauben, wem sie glauben, warum sie glauben. Unsere Sakramente, allen voran die Eucharistie, sind so unfassbar reich und ich freue mich über jeden, der mithilft, diesen Reichtum neu zu erschließen. Wir haben so viele Schätze und ich frage mich jeden Tag, wie es gelingen kann, diese zu heben.

eXpresso: Zum Schluss noch eine kurze Abschlussfrage:
Der aktuelle Papst Franziskus gilt ja als Fußballfan, guter Koch, begnadeter Schwimmer und auch Tangotänzer.
Wo liegen in diesem Gebiet Ihre Präferenzen, Kompetenzen und was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Bischof Oster: Ich habe immer gerne Sport gemacht und sehr gerne Fußball gespielt. Allerdings habe ich jetzt eine operierte Hüfte und kann dem nicht mehr nachgehen. Zudem ist meine Freizeit als Bischof jetzt knapper. Sehr gerne treffe ich auch junge Menschen und spreche mit ihnen über Glauben.
Ich habe das große Glück, dass ich ganz viel von dem, was mir Freude macht, zu meinem Beruf machen konnte. Ganz stark interessieren mich philosophische und theologische Fragen – damit beschäftige ich mich auch in meiner Freizeit. Ich lese auch sehr gerne und viel.
Kurz gesagt: Sport, Begegnung mit Menschen, lesen…Kochen nicht so sehr, aber Essen! (lacht)

eXpresso: Vielen Dank für das Gespräch!

Bischof Oster: Danke für die guten Fragen und die gute Zusammenfassung. Ihr seid richtig begabte Jungjournalisten!

Fragen, Text: Jürgen Rauscher
Interviewführung:
Niklas Czerny, Jürgen Rauscher
Dank an Fr. Zieringer und das Team der Bistumspressestelle für den netten Kontakt!