Nach dem Abi FSJ

„Und, was hast du so für Pläne nach dem Abi?“

Oh, wie oft man die Frage ab der 11. Klasse doch nicht hört… Dass wir nicht mit „Ich werde das und das dort und dort studieren“ geantwortet haben, wie vielleicht einige erwartet hätten, war für uns ab einem gewissen Zeitpunkt ganz normal. In der Weihnachtszeit der 12. Klasse haben wir uns nämlich bei der Diözese Passau für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) beworben, das von der Organisation weltwärts unterstützt wird. Mit Hilfe dieser wird es jährlich mehreren tausend Freiwilligen ermöglicht, ins Ausland auszureisen. Nach drei Vorbereitungseinheiten, die uns auf unser Jahr in Peru einstimmen sollten, sind wir, Lena und Lucie, dann auch endlich am Flughafen in München gestanden. Dort haben wir uns zusammen mit unseren Mitfreiwilligen Luisa Dellerer und Elke Sommer von unseren Liebsten verabschiedet, was uns allen nicht besonders leicht fiel.

Nach einem 19-Stunden Flug sind wir dann endlich angekommen. Unsere Kleinstadt Passau haben wir jetzt gegen die zweitgrößte Stadt Perus eingetauscht: Arequipa.


Hier arbeiten wir für die Organisation CIRCA-MAS, die damals von dem Jesuitenpater Carlos Pozzo gegründet wurde und sich bis heute um benachteiligte Kinder aus den Randbezirken der Stadt kümmert. Mittlerweile leitet CIRCA schon 35 Schulen und 8 Kinderheime.

Unsere Aufgabe ist es, jeweils an drei Tagen der Woche in drei unterschiedlichen Schulen Englisch zu unterrichten- von wegen, keine Schule mehr nach dem Abi! Das Chaos im Klassenzimmer jetzt mal von einer anderen Seite des Pultes zu betrachten war anfangs echt ungewohnt. Dass wir jetzt nicht mehr die sind, die die sechs Stunden am Tag einfach nur in unseren Stühlen fläzen und den Unterricht an uns vorbeiziehen lassen, sondern den Schultag aktiv gestalten müssen, um den Kindern möglichst viel beizubringen, ist wirklich eine große Herausforderung.

Dinge, die unsere Lehrer früher gestört haben, fallen jetzt auch uns auf: wie nervig es ist, wenn auch nur vier Schüler sich flüsternd unterhalten, wenn ein Schüler nicht mitschreibt aber denkt, du merkst es nicht, wenn unter der Bank mit irgendwas (hier sind es vorzugsweise Pokemon-Karten) gespielt wird oder wenn -meistens tatsächlich Mädchen- meinen, sie müssen jetzt zu siebt aufs Klo gehen.

Dass es in unseren Klassen stets mucksmäuschenstill sein wird, die Kinder sich melden, bevor sie sprechen und brav auf ihren Stühlen sitzen bleiben, das war also wohl die größte Illusion, die wir uns in unserem Leben je gemacht haben. Aber wenn die Kinder nach dem Jahr nur die Hälfte von dem mitgenommen haben, was wir ihnen lehrten, dann war das wohl all die Zeit, Nerven (und auch Halsschmerzen) wert.

 

Ein guter Ausgleich zu unserer Arbeit in den Schulen ist die „Arbeit“ in den Kinderheimen, die mittlerweile eher zu einem Hobby geworden ist. Wir Mädels sind auf drei Kinderheime aufgeteilt worden, die wir an unterschiedlichen Tagen der Woche besuchen.

 

Das Heim der kleinsten Kinder heißt Hermano Clemente und befindet sich direkt auf dem Gelände, wo wir auch wohnen. Hier leben derzeit 13 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren, die Voll-/Halbwaisen sind oder deren Eltern nicht die Möglichkeit haben, sich ausreichend um sie zu kümmern. Die Kinder sind vormittags in einer Art Vorschule, nur die zwei Kleinsten bleiben noch zu Hause bei Veronica, ihrer Betreuerin (und Ersatzmama). Diese ist nur wenige Jahre älter als wir selbst und kümmert sich fast allein rund um die Uhr um ihre Schützlinge. Dass diese Arbeit wirklich einen Orden verdient hätte, haben wir schon nach unseren ersten Tagen im Kinderheim bemerkt: Alle dreizehn Kinder gleichzeitig zu bespaßen, aufzupassen, wohin sie laufen und was sie dort machen, etwaige Streitigkeiten unter ihnen zu klären und dabei noch die Nerven (und gute Laune) zu behalten, ist nach einem langen Schultag nicht immer einfach. Vor allem das Abendessen ist jeden Tag aufs Neue eine Schwierigkeit: Während ein Teil einfach nicht essen will (egal was es gibt), kann es schon mal passieren, dass die Kleineren mit vollem Mund einfach einschlafen… Aber egal wie müde sie beim Essen schon sind, ins Bett wollen sie hinterher trotzdem nicht. Jeden Abend dasselbe Spiel: Zähne putzen, umziehen, Gute-Nachtsagen, tausende Gute-Nacht-Bussis, …und das mal dreizehn! Trotz aller Anstrengung sind wir uns aber alle einig, dass ein Kinderlächeln für alles entschädigt!

Um die Jungs im Jungenkinderheim Santo Tomas zu besuchen, fahren wir eine Stunde mit dem Bus- das Heim liegt nämlich genau am anderen Ende der Stadt. Niemals hätten wir gedacht, dass uns die Jungs mal so ans Herz wachsen werden, aber spätestens nach unserem dritten Besuch stand wohl fest, dass wir für die Jungs alles tun würden: Für (fast) keinen in Deutschland wären wir ohne zu Motzen über eine Stunde in einem so schlecht ausgestatteten Bus gesessen, für keinen Jungen der Welt hätten wir jemals auch nur einen Fußball angerührt und so schnell hätten wir wohl keinem unsere privatesten, peinlichsten und auch lustigsten Geschichten aus unserem Alltag erzählt, ohne uns dafür zu schämen. Im Gegensatz zum Kinderheim der Kleinsten können wir hier auch bei den Hausaufgaben helfen, schließlich gehen die 6-12 Jährigen schon in die Schule. Dass uns unsere durch das Abitur erworbenen Mathekenntnisse hier aber auch nicht mehr weiterhelfen, wenn es darum geht, (auf spanisch verfasste!) Textaufgaben zu verstehen, hat nicht nur uns, sondern auch die Jungs am Anfang schockiert. Mittlerweile sind wir ihnen hoffentlich eine größere Hilfe. Nach getaner Arbeit spielen wir dann auf dem großen Innenhof Basketball oder Fußball, was den Kindern eindeutig besser gefällt, als ihre schulischen Aufgaben zu erledigen. (Nicht zuletzt liegt das wohl daran, dass Mädchen und Ballsport wohl nicht immer perfekt harmonieren und wir alle somit immer eine rechte Gaudi haben)

Santa Teresita, das Heim der älteren Mädchen, liegt im gleichen Stadtteil wie unser Zuhause und ist daher sehr viel schneller zu erreichen. Schon nach 20 Minuten Busfahrt und einem kurzen Fußweg hören wir das Gekreische und Gekicher der Kinder. Hier leben nämlich ca. 30 Mädchen im Alter von sechs bis zwölf Jahren und dementsprechend hoch ist auch die Geräuschkulisse. Auch hier helfen wir bei den Hausaufgaben, beantworten geduldig alle Fragen über Deutschland, unsere „novios“ oder Geschwister und lassen uns dabei (mehr oder weniger freiwillig) die Haare flechten.

Da es uns bisher ziemlich schwerfiel, außerhalb unserer Organisation Leute kennenzulernen, tanzen wir zwei mal in der Woche Salsa in einer Tanzschule im Zentrum. Auch hier ist die Sprache anfangs noch eine kleine Hürde gewesen (und das trotz Spanisch Vorkenntnissen), trotzdem haben wir uns von Anfang an gut amüsiert und auch die anderen im Kurs gut unterhalten.

In der restlichen uns verbleibenden Zeit überlegen wir, was wir mit unseren Spendengeldern so alles anfangen könnten. Stifte kaufen, einen Adventskalender basteln, um den Kindern die Zeit vor Weihnachten zu versüßen und die Neugestaltung eines Aufenthaltsraumes in Santa Teresita stehen zur Zeit auf dem Plan. Falls ihr mehr über unser Leben hier in Peru erfahren möchtet oder euch vielleicht sogar selber für ein FSJ im Ausland interessiert, schaut doch mal auf unserem Blog vorbei:

fsjperu.wordpress.com

Wie ihr seht, man muss nach dem Abi nicht sofort anfangen, zu studieren- also lasst euch nicht unter Druck setzen, irgendwann findet jeder seinen Weg!

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