Zurück zu den Wurzeln

 

Marcus Mumfords Seemannsohrring schwingt im stampfenden Rhythmus der Musik, wenn er mit seinen drei Bandmitgliedern auf den großen Bühnen dieser Welt steht. In den letzten Jahren hat die britische Folk-Rock-Truppe „Mumford and Sons“ einen sagenhaften Aufstieg erlebt, der die vier Londoner riesige Arenen füllen lässt; überall wohlgemerkt: Brasilien, Südafrika, Deutschland, Großbritannien. Anders als der Name es anklingen lässt, besteht die Gruppe nicht aus Vater und seinen Sprösslingen, das Ganze ist wohl eher symbolisch zu sehen, die Bezeichnung „Bandleader“ hat sich in den vergangenen Jahren allerdings keiner so verdient wie Marcus Mumford.
Der Engländer scheint zu jeder Zeit während der meist eineinhalbstündigen Gigs einen Plan zu haben: neben Gesang und Akustikgitarre spielt er fast nebensächlich gleichzeitig Bassdrum und Tamburin- mit den Füßen! Dass er für einzelne Songs komplett ans Schlagzeug wechselt und darüber hinaus als glänzender Alleinunterhalter brilliert, ist fast schon nicht mehr erwähnenswert.
Aber auch die anderen drei Jungs sind zurecht Teil des Ensembles. Zu nennen ist zum einen Ted Dwane, passionierter Fotograf.
Aufgabenbereich: Kontrabass/Bass. Mit seinem bärtigen Gesicht lebt er jeden einzelnen Song mit, als würde er ihn zum ersten Mal hören.
Genauso kommt einem manchmal Ben Lovett vor. Der Keyboarder wippt vor den Tasten umher, bewegt den Oberkörper auf und ab, vor und zurück, dass man immer die Gefahr sieht, er könnte sein Instrument beim nächsten Ton versehentlich umwerfen. Winston Marshall, genannt „Country“, passt da fast schon gar nicht mehr ins Bild. Herrlich unaufgeregt spielt er nach Bedarf Banjo oder E-Gitarre und schaut so ruhig drein, als würde er gerade für den Auftritt proben, anstatt schon mittendrin zu sein. Nebenbei versucht Marshall übrigens sich selbst als Stand-Up-Comedian zu etablieren.
Eine Truppe mit Musik dieser Qualität findet sich nur alle paar Jahre zusammen und das auf unrühmliche Weise…
Angeblich 2007 in einem Westlondoner Pub, in dem man Alkohol an Minderjährige ausschenkte. Eine andere Geschichte.
Im selben Lokal liegen aber auch die Anfänge weiterer Musiker, die wenig später sehr erfolgreich sein sollten: „Laura Marling“ und „Noah and the whale“.
Laura Marling erinnert fast an Joan Baez, eine der größten Folksängerinnen, nur nicht ganz so politisch ist sie vielleicht. Dennoch erkennt man hier deutlich: der Folk erlebt seine Renaissance.
Zu den Wurzeln begibt man sich nicht nur in Europa zurück. Vor wenigen Monaten brachten „The Lumineers“ ihr neues Album auf den Markt. Es ist der zweite Langspieler der Band aus Colorado, die auf fast artistische Weise eine Mischung aus Folk, Bluegrass und Americana zu ihrem ganz eigenen Sound werden lässt. Wesley Schultz, Jeremiah Fraites und Neyla Pekarek sind ein eindrucksvolles Trio, das es schafft aus Gitarre, Schlagzeug und Cello eine harmonische Klangkulisse aufzubauen, die ziemlich unverkennbar ist.
Ebenso wichtig: die Texte. „The Lumineers“ mischen oft
melancholisch-skurrile und fröhlich-leichte Zeilen in ihren Texten. Dabei schwenkt das Spektrum der Themen oft zwischen Politik („Charlie Boy“), Schicksal („Gale Song“) und Liebe („Dead Sea“). Der erste große Hit „Ho Hey“ hat zusätzlich ein Potenzial, das es jedem erlaubt, abgesehen von der individuellen gesanglichen Kompetenz, miteinzusteigen.
Bei „Mumford and Sons“ ist es wenig anders. Auch ihre Texte haben in Liebe und Schicksal ihre Hauptthemen. Die Zeilen, die meistens Marcus Mumford schreibt, sind oftmals tiefspirituell, fast religiös. V.a. auf dem ersten Album „Sigh no more“, so heißt es im gleichnamigen Song „serve God, love me and mend, this is not the end“. Tracks wie „The Cave“ und „Little Lion Man“, beides große Hits, beschäftigen sich mit eigenem Versagen. „I will wait“, veröffentlicht auf dem Album „Babel“ bietet den stampfenden Beat der die Gruppe ausmacht ebenso, wie einen eingängigen Refrain. Während das im letzten Jahr veröffentlichte Album eher als Flop sehen durfte, kann man auf die EP „Johannesburg“ gespannt sein. Dort kooperieren die Musiker mit ihrem senegalesischen Kollegen Baaba Maal, was in einer ausgekoppelten Single hervorragend funktioniert.
Man darf also weiterhin auf viel Innovation und kluge Texte hoffen und sich freuen, dass der Folk seinen Weg in die Charts wiedergefunden hat.

Jürgen Rauscher

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